Synoptische Übersicht - Kurzfrist

ausgegeben am Montag, den 10.08.2020 um 18 UTC

Markante Wettererscheinungen: Verbreitet sehr heiß! Gebietsweise starke Gewitter mit Unwetterpotential durch heftigen Starkregen.

Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 12 UTC

Aktuell ... liegt Deutschland unter einem Höhenrücken in 500 hPa, der sich vom westlichen Mittelmeer bis zum Nordmeer erstreckt. Dabei sind die Geopotentialgegensätze insgesamt schwach ausgeprägt, über Süddeutschland präsentiert sich die Höhenströmung anfangs sogar leicht zyklonal, um in der Nacht durchzuglätten. Dann weht der Wind mitteltroposphärisch allgemein aus Nordwest, während er bodennah insgesamt eine eher östliche Komponente aufweist, die sich ausgangs des Tages teils noch mäßig bis frisch, in der Nacht aber meist schwach zeigt. Verursacht wird die bodennahe Strömungskonstellation von einem flachen, von der Iberischen Halbinsel über die Biskaya und Frankreich bis zum Ärmelkanal verlaufenden Tief und einem Hoch über Skandinavien. Entsprechend ist bis in die Nacht hinein etwas Geschwindigkeitsscherung vorhanden, absolut betrachtet ist die Scherung aber, auch aufgrund der gesamttroposphärisch niedrigen Windgeschwindigkeiten, gering. Die vorherrschende Luftmasse ist dabei mit PPW-Werten bis knapp unter 40 mm (ICON-EU, GFS) verbreitet sehr feucht, dazu ist die Schichtung mit Lapse-Rates von zum Teil unter -0,7 K/100m sehr labil. Die CAPE-ML-Werte erreichen nach ICON-EU Werte von lokal über 1500m J/kg, nach GFS sogar Werte von über 2000 J/kg, so dass die Zutaten für schwere Gewitter vorhanden sind. Durch die fehlenden klaren Hebungsantriebe aus der Höhe und den aufgrund der kaum vorhandenen Scherung geringen Organisationsgrad entwickeln sich die konvektiven Umlagerungen lokal getriggert (Orografie, lokale Konvergenzen) und weisen eine geringe Verlagerungsgeschwindigkeit auf. Entsprechend liegt der Schwerpunkt der Gewittergefahren auf dem Starkregen, der örtlich auch im Unwetterbereich liegt (über 25 l/qm in kurzer Zeit). Dabei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass insbesondere über der Mitte Deutschlands die Soundings niedertroposphärisch eine inverse V-Struktur aufweisen. Entsprechend springen auch die Windex-Böen an und erreichen lokal Werte von knapp 30 m/s, was schwere Sturmböen bedeuten würde. Bei 850er Temperaturen zwischen 15°C im Nordosten und 20°C im Südwesten sind die Abendtemperaturen verbreitet noch tropisch heiß.

In der Nacht zum Dienstag verlagert sich die Achse des Höhenkeiles sehr zögerlich nach Osten, wobei auf der Vorderseite des Keils ein schwacher Trog abläuft. Die von ihm ausgehenden Hebungsantriebe sind insgesamt schwach und greifen recht schnell auf das Böhmische Becken über. Damit lassen mögliche Gewitter meist schnell nach, der Höhentrog könnte die Gewittertätigkeit über den östlichen Bundesländern aber vielleicht etwas länger anhalten lassen, was insbesondere EURO4 und COSMO-D2 andeuten. Letzteres Modell zeigt, übereinstimmend mit GFS, im Westen und Südwesten ausgangs der Nacht erneut einsetzende Gewittertätigkeit. Diese soll sich an einer schwachen Konvergenz entwickeln, die andere Modelle, u.a. ICON und EZMW, nicht sehen. Da die Spanne der 850er Temperaturen in der Nacht nicht nennenswert von denen am Tag abweicht, sinken die 2m-Temperatutren im Süden auf Werte um 15, sonst auf 17 bis (tropische) 23 Grad in den Ballungsräumen des Westens und Südwestens.

Dienstag ... bleibt der Höhenrücken das für Deutschland entscheidende Geopotentialgebilde, wobei das Geopotential über dem Westen und Südwesten sogar noch etwas ansteigt. Die Achse des Rückens kommt dabei aber praktisch nicht nach Osten voran und verharrt bis zum Tagesende über Benelux, wobei die Geopotentialgegensätze weiterhin sehr schwach ausgeprägt sind. Damit herrsch mitteltroposphärisch bei uns eine schwache nord-nordwestliche Strömung vor, der, wie schon am Vortag, in Bodennähe eine östliche Komponente gegenübersteht. Da sich das flache Tief über Südwesteuropa etwas nach Norden ausweitet, was der Hebung auf der Vorderseite eines westeuropäischen Langwellentroges geschuldet ist, wir der Gradient über dem westlichen Niedersachsen leicht verschärft. Für warnwürdige Böen wird es trotzdem nicht reichen, aber immerhin könnte es dort mal eine mäßige, eventuell auch mal eine frische Böe geben. Ansonsten bleibt es windschwach, und aus der geschilderten mittel- und niedertroposphärischen Windsituation kann man - wie schon am Vortag - eine schwache Richtungsscherung ableiten. Diese ist aber erneut sehr schwach ausgeprägt ist, was gleichermaßen auch für die Geschwindigkeitsscherung gilt. Im Tagesverlauf strömt aus dem Skandinavienhoch trockene Luft in den Nordosten, so dass vom nördlichen Emsland bis in die Leipziger Tieflandbucht die Gewitterneigung etwas nachlässt. In den übrigen Gebieten muss aber erneut mit starken oder schweren Gewittern gerechnet werden. Die Lapse-Rates bleiben hoch, im Südwesten liegen sie weiterhin unter -0,7 K/100m. Dazu sind auch die PPW-Werte mit bis zu 40 mm und die CAPE-Werte mit lokal über 1500 J/kg (laut ICON-EU und GFS, COSMO-D2 bringt es lokal auf über 2000 J/kg) im Bereich des Vortages - was auch nicht verwundert, handelt es sich doch immer noch um die Luftmasse des Vortages. Entsprechend muss wieder mit Starkregen-Gewittern bis in den (extremen?) Unwetterbereich gerechnet werden. Die Schwerpunkte? Wenn COSMO-D2 recht behält, sollte die schwache Konvergenzlinie aus er Nacht heraus nach Mittelhessen und bis ins Siegerland laufen, bevor die Gewittersignaturen bei diesem Modell etwas diffuser werden. Mit viel Liebe kann man dann einen Gewitterstreifen erkennen, der von West nach Ost über der Mitte verläuft - und den - ebenfalls mit viel Liebe - auch GFS und ICON erkennen lassen. Bei EZMW beginnt der Tag nur über den östlichen Mittelgebirgen mit Blitz und Donner, bevor am Nachmittag der gesamte Südwesten davon betroffen ist. Dazu haben alle unisono über den südlichen Mittelgebirgen und an den Alpen Gewitterpotential auf der Karte. Und es gibt immer noch Regionen, die sich aufgrund der anhaltenden Trockenheit über Regen freuen würden. Da, wie angesprochen, kein Luftmassenwechsel stattgefunden hat, bleiben auch die 850er Temperaturen in einer Spanne von 15 bis 20°C. Damit liegen auch die Höchstwerte wieder in einer Spanne von 29 bis 36°C.

In der Nacht zum Mittwoch zeigt sich keine durchgreifende Änderung. Der Rücken schwächt sich wieder etwas ab, seine Achse zeigt aber weiterhin keine oder nur sehr geringe Verlagerungstendenzen. Insgesamt sinkt über dem Westen das Geopotential, ohne dass dies Auswirkungen auf das Wettergeschehen hätte. Im westeuropäischen Langwellentrog hat sich ein eigenständiges Höhentief etabliert, das von der portugiesischen Westküste über dem Nordwesten Spaniens zieht. Es sorgt für Druckfall über der Biskaya, wo sich ein kleiräumiges Tiefzentrum mit Kerndruck unter 1010 hPa bildet. Der Druckfall hat zur Folge, dass das Skandinavienhoch noch etwas weiter nach Süden ausgreifen kann und damit auch die trockenere und etwas stabiler geschichtete Luft zögerlich nach Süden vorankommt. Entsprechend liegen im Nordosten die Tiefstwerte um 15°C und damit in einem recht angenehmen Bereich. In den übrigen Gebieten verhält sich die Nacht dagegen ähnlich wie die vorangegangene: Die Gewitter, so sie entstanden sein sollten, lassen wieder nach, und die Tiefstwerte liegen zwischen 17 und 23 Grad mit den höchsten Werten in den Ballungsräumen des Westens.

Mittwoch ... und in der Nacht zum Donnerstag ändert sich im Geopotentialfeld wenig. Allerdings kippt der Rücken aufgrund von WLA auf seiner Rückseite in seinem nördlichen Bereich ein wenig nach Westen, so dass sein Achse ausgangs der Nacht zum Donnerstag von den Alpen nach Ostfriesland verläuft. Das Biskayatief weitet sich unter leichtem Druckfall geringfügig aus und zieht zum Westausgang des Ärmelkanals. Im Zuge dieser Prozesse kann die Tiefdruckrinne auf der Trogvorderseite nun signifikant Raum nach Osten gut machen und bis zum Abend nahezu die gesamte Westhälfte einnehmen, wobei die Druckgegensätze weiterhin schwach ausgeprägt sind. Entsprechend ist vom Niederrhein bis zu den Alpen und damit in der gesamten Südwesthälfte ein hohes Gewitterpotential zu verzeichnen. Eine Konvergenzlinie, die laut des aktuellsten deterministischen Laufs von ICON von Belgien nach Süddeutschland verläuft, könnte dabei den Schwerpunkt der Gewitteraktivität markieren. Wie schon am Vortag bleibt die Wetterlage über dem Südwesten einen Luftmassenaustausch schuldig. Somit sind bei den möglichen Gewittern auch zu den Vortagen vergleichbare Begleiterscheinungen zu erwarten. CAPE-Werte bis 2000 J/kg und PPW-Werte bis 40 mm lassen, wie die Tage zuvor, den heftigen (extremen?) Starkregen erneut in den Vordergrund treten - bei Höchstwerten von bis zu 34 Grad. Im Gegensatz zum Südwesten sickert in der Nordosthälfte weiterhin trockene und zunehmend stabil geschichtete Luft ein, so dass dort bezüglich Gewittern die "Luft" raus sein sollte Das gilt aber nicht für die Hitze, denn in der Lausitz sind durchaus nochmals 33 Grad drin. Bei den Nachttemperaturen bleibt das West-Ost-Gefälle erhalten. Im Westen steht also erneut mancherorts eine tropische Nacht auf dem Programm.

Donnerstag ... befindet sich Deutschland zunächst noch unter dem Höhenrücken, jedoch schwenkt ausgehend von einem Trog westsüdwestlich Irlands im Tagesverlauf von Frankreich her ein Randtrog in den Westen unseres Landes. Die Achse des Rückens verlagert sich dabei jedoch nur geringfügig ostwärts und liegt abends in etwa auf einer Linie Südostbayern - Deutsche Bucht. Im Bodenfeld zeigen sich nur geringe Druckunterschiede. Bei genauem Hinsehen so kann man eine rinnenartige Struktur erkennen, die sich ausgehend von den einem Tief bei der Normandie (Kerndruck knapp unter 1009 hPa) über das Rhein-Maas-Schelde-Delta über die Mitte Deutschlands bis nach Südostpolen erstreckt. Die mit gewitterträchtiger Luft angefüllte Luft weitet sich somit in etwa bis zu einer Linie Ostfriesland - Vogtland aus. Angesichts von PPW zwischen 30 und 44 mm und MU-CAPE-Werten von über 1000, teils über 1500 J/kg können sich gebietsweise kräftige Gewitter mit Unwetterpotenzial (vor allem hinsichtlich heftigen Starkregens und größerem Hagel) entwickeln. Bei 850-hPa-Temperaturen zwischen 14 und 18 °C wird es wieder heiß, wenngleich die Maxima wegen des langsam zunehmenden Bewölkungsanteils etwas gedämpfter bleiben. Aufgrund der ansteigenden Feuchtigkeit bleibt es aber bei der starken Wärmebelastung.



Modellvergleich und -einschätzung

Die großräumigen synoptischen Strukturen simulieren die Modelle recht ähnlich. Detailunterschiede ergeben sich in den Gewitterindices und in der Lage der Gewitterschwerpunkte, die z.T. auch im Text angesprochen wurden. Bei der kleinräumigen Triggerung der Gewitter durch Orografie oder lokale konvergente Bereiche ist dies nicht verwunderlich. Die Abläufe der Gewitterentwicklung und -verlagerung werden letztendlich doch wieder im Nowcasting abzuhandeln sein.

Klar ist aber, dass es weiterhin verbreitet sehr heiß bleibt!

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach Dipl. Met. Martin Jonas